Soziale Marktwirtschaft - Reformziel in Osteuropa - Begriffsverwirrung - Fehlerhafte Diagnosen - Unpopuläre Reformschritte - Therapeutische Fehlentscheidungen - Hoffnungszeichen - Das Erbe Ludwig Ehrhards
Soziale Marktwirtschaft: In Deutschland ein Restbestand
Soziale Marktwirtschaft ist kein Modell im luftleeren Raum. Soziale Marktwirtschaft, wie sie bis Mitte der sechziger Jahre die Wirtschaftspolitik der jungen Bundesrepublik Deutschland kennzeichnete und das "deutsche Wirtschaftswunder" hervorbrachte, gründete sich auf eine Gesellschaft, die ein gemeinsames Ziel hatte und in der alle Wirtschaftsteilnehmer - Staat, Unternehmer und Gewerkschaften - gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiteten. Im Nachkriegsdeutschland Ludwig Erhards war "Wohlstand für alle" das gemeinsame Ziel. Dieser Konsens ergab sich damals von selbst: Alle standen vor dem Nichts, ja ganz Europa war durch den Krieg verarmt. Futterneid gab es noch nicht, und die Lasten des verlorenen Krieges hielten unsere Nachkriegsgesellschaft zusammen. Zupacken und Solidarität waren gefragt. Am Ende trugen tiefe und breite Mittelschichten die Gesellschaft. Vom Direktor bis zum Facharbeiter, vom Handwerksmeister bis zu den Angehörigen der freien Berufe, alle aßen im wesentlichen das Gleiche, trugen die gleiche Kleidung, fuhren die gleichen Autos, hatten die gleichen Urlaubsziele.
Ab Mitte der sechziger Jahre setzten Verteilungskämpfe ein. Das gemeinsame Ziel der vierziger und fünfziger Jahre wurde mit zunehmendem Wohlstand obsolet, eine Gefahr, die in seinen letzten Lebensjahren auch Ludwig Erhard sah und der er mit der Beschwörung der "Formierten Gesellschaft" zu begegnen suchte. Die fortschreitende Öffnung der Märkte und die Individualisierung der Gesellschaft taten ein übriges. Die Interessen waren nicht mehr gleichgerichtet, und der Konsens zwischen Staat, Unternehmern und Gewerkschaften schwand. In allen Parteien fühlte sich eine wachsende Zahl von Politikern dazu berufen, die Sozialpolitik auszuweiten und zu einem Gegenstück zur Wirtschaftspolitik hochzustilisieren. Dabei wurden nicht nur durch übertriebene Umverteilung von Marktergebnissen Leistungsanreize zerstört, sondern in manchen Branchen wurden falsche Signale gesetzt und die marktwirtschaftliche Lenkung selbst beseitigt. Der Satz, daß die beste Sozialpolitik in einer guetn Wirtschaftspolitik bestehe, galt nicht mehr. Mittlerweile, nachdem die Sozialsysteme überfordert sind, kämpft jeder für sich selbst um einen möglichst großen Anteil am Kuchen. Die Organisationen der Unternehmer und der Gewerkschaften ziehen nicht mehr am gleichen Strang; sie drohen zu pressure-groups gegen die Allgemeinheit zu entarten.
Heute rufen wir nach einer Wiedergeburt der Soziale Marktwirtschaft. Neue Herausforderungen wie der Marktzutritt der ehemaligen Ostblockländer, das rasch ansteigende marktwirtschaftliche Potential Chinas und die Gefahren, die vom religiösen Fundamentalismus im Süden ausgehen, sind Grund genug für eine Bestandsaufnahme und einen neuen Konsens.
Soziale
Marktwirtschaft: Reformziel in Osteuropa
Kann Osteuropa an die Erfolge der deutschen Wirtschaftspolitik in der Nachkriegszeit anknüpfen?
Die Reformstaaten Osteuropas waren bei Beginn des Umbruchs in einer grundlegend anderen Situation als das Deutschland des Jahres 1945. Rußland hatte über 70 Jahre Staatswirtschaft hinter sich, ohne Privateigentum, ohne freie Märkte, ohne jegliche Attribute einer bürgerlichen Gesellschaft. In Deutschland waren bei Kriegsende trotz aller kriegsbedingten Ausfälle marktwirtschaftliche Strukturen vorhanden. Die Hitler-Zeit hatte "nur" zwölf Jahre gedauert. Die Nazis hatten zwar die Demokratie abgeschafft und die Wirtschaft an die Kette von Zwangskartellen gelegt, die Unternehmen aber nicht verstaatlicht. Und so bedurfte es lediglich der Währungsreform und der Preisfreigabe vom Juni 1948, um Landwirte, Bäcker, Fleischer, Warenproduzenten und Handelsleute wieder in Schwung zu bringen.
Demgegenüber gab es in den Reformstaaten Osteuropas, zumal in Rußland, keine intakten Unternehmen. Zunächst mußten die zentralen Planungsbehörden ausgeschaltet und durch Privatisierung selbständig handelnde Wirtschaftssubjekte geschaffen werden. Die größte Schwierigkeit lag immer noch darin, daß die Startpositionen der verschiedenen Wirtschaftsteilnehmer künstlich verzerrt sind. Im Nachkriegsdeutschland waren alle arm, und die Siegermächte sorgten dafür, daß die alte Führungsschicht sich zurückhalten mußte. In Rußland und anderen osteuropäischen Reformstaaten hingegen herrschen die alten monopolistischen Strukturen weiter und behindern marktwirtschaftliche Newcomer. Rußland als Wirtschaftsraum ist eben keine Tabula rasa, die von neuen Eigentümern mit garantierten Eigentumsrechten à la Chicago nach dem Motto: "Der Markt wird's schon richten!" neu belebt werden könnte. Der militärisch-industrielle Komplex ist zwar geschwächt, aber vor allem die Rohstoffmonopole behaupten ihre Positionen und ihren Einfluß auf die Politik, so daß marktwirtschaftliche Innovationen schier ausgeschlossen sind. Unter solchen Umständen läßt sich an Soziale Marktwirtschaft nicht denken. Zunächst muß rigoros aufgeräumt, müssen Märkte überhaupt erst geschaffen werden. Václav Klaus, der alte und neue tschechische Ministerpräsident, hat die Soziale Marktwirtschaft sogar als "sanften Sozialismus" verspottet und betont, er trete für eine Marktwirtschaft "ohne Attribute" ein.
So nimmt sich der Beginn der Marktwirtschaft in Osteuropa ziemlich chaotisch aus. Wenige reiche Emporkömmlinge, verbreitete Armut, "Mafia" und organisiertes Verbrechen prägen das Bild. Die Sorge des Westens, daß das neue Rußland politische und wirtschaftliche Alleingänge unternehmen könnte, aber auch die Lockungen, welche die riesigen russischen Rohstoffreserven sowie die Gewinnchancen verströmen, die sich bei Versorgung der russischen Bevölkerung mit westlichen Konsumgütern bieten, führten sehr frühzeitig dazu, daß Rußland von westlichen "Beratern" überschwemmt wurde. Die Präsenz der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und das Wohlwollen der Großen Sieben nahmen Rußland und die übrigen Reformstaaten gern entgegen, weil man so zu Dollarmilliarden kommen und sich überdies gegenüber der eigenen Bevölkerung auf fremde Autoritäten berufen konnte, wenn es darum ging, ihr den Gürtel noch enger zu schnüren.
Wenn man mit Russen über Marktwirtschaft redet, sprechen sich fast alle für eine "soziale" Marktwirtschaft aus. Sie glauben, daß sie es dann bequemer hätten. Ausgewiesene Reformer wie Gaidar und Tschubais sowie die neue russische Marktelite hängen jedoch dem radikal-liberalen amerikanischen Modell an. Freie Preise, freier Außenhandel, garantierte Eigentumsrechte und monetäres Gleichgewicht - den Rest besorgt der Markt! Einkommensumverteilung, Mittelstandspolitik, Umweltpolitik kommen in diesem Modell nicht vor.
Daß in Rußland der amerikanische Marktradikalismus im
Vordergrund steht, läßt sich erklären.
Das Crash-Modell ist in seiner Einfachheit eher geeignet, die Umstellung vom Plan zum Markt rasch
und gründlich zu vollziehen als ein mit staatlicher Sozialpolitik angereichertes Marktmodell.
Prioritäten liegen tatsächlich in der Liberalisierung der Preise und des Marktzugangs,
in der Privatisierung und in der Inflationsbekämpfung. Zwar erwähnt auch die Weltbank die
Sozialpolitik (##), sagt aber gleich dazu, daß bis zu einer signifikanten Steigerung der Wachstumsraten
Armut unvermeidlich sei. Auch scheint der russische Mensch vom Staat nichts zu erwarten; er glaubt,
im christlichen Sinne, eher an Selbstverantwortung.
Hinzu kommt, daß die russischen Reformer sich in der Endzeit der Sowjetunion vorzugsweise mit
der amerikanischen Nationalökonomie beschäftigt haben; denn hier lag offensichtlich das
Erfolgsgeheimnis des übermächtigen Gegners.
Schließlich spielen die Soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards und die ordnungstheoretischen Grundlagen von Franz Böhm, Walter Eukken, Alfred Müller-Armack und Alexander Rüstow in der englischsprachigen nationalökonomischen Literatur kaum eine Rolle, allenfalls als regionale Besonderheit der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Zu Beginn der Reformen war es nicht wichtig, nach welchem Modell, dem marktradikalen oder dem ordoliberalen, die Reformländer vorgingen. Beide Modelle verlangen zunächst gewisse Liberalisierungsschritte. Erst die wachsende Armut und die zunehmende Kriminalität warfen die Frage auf, ob das Crash-Modell das richtige sei. Václav Klaus mußte inzwischen den Verlust seiner parlamentarischen Mehrheit hinnehmen, in Rußland ist Gennadij Sjuganow dicht an Boris Jelzin herangerückt, und in Polen und Ungarn regieren wieder - wenn auch im marktwirtschaftlichen Sinne geläuterte - Altkommunisten.
Als ich Ende März 1992 meine Arbeit als Wirtschaftsberater in Moskau aufgenommen hatte, lud mich Maria Huber, die damals für die "Zeit" aus Rußland berichtete, zu einem abendlichen Gespräch mit Journalisten und russischen Jungunternehmern in ihre Moskauer Plattenwohnung ein. 1992 war in Rußland das Jahr der großen Reformen. Mit Beginn des Jahres hatte die Regierung 90 Prozent der Konsum- und 80 Prozent der Investitionsgüterpreise freigegeben, mitte 1992 begann die Privatisierung der Staatsbetriebe.
An jenem Abend drehte sich das Gespräch um die Frage, ob Rußland überhaupt genügend Unternehmertalente aufzuweisen habe, die eine Marktwirtschaft tragen könnten. Einer der Gäste zählte die in aller Welt bekannten Unternehmergestalten auf, von Henry Ford bis Rupert Murdoch, ein Russe war nicht dabei.
Hier lag, wie sich bald zeigte, nicht das Problem. Allen Unkenrufen zum Trotz schossen mit fortschreitender Liberalisierung immer mehr russische Unternehmer wie Pilze aus dem Boden. Der Unternehmer ist, wie sich auch in Rußland erwiesen hat, kein westliches Kulturprodukt; er ist vielmehr ein Urtyp, der überall emporsteigt, wo Freiheit einzieht.
Die neuen russischen Unternehmer sind nicht zimperlich. Oft sind es Leute, die rücksichtslos dem Profit nachjagen und, wenn nötig, auch dazu bereit sind, sich Märkte freizuschießen. Das sind gewissermaßen die Speerspitzen der Transformation - Perversionen marktwirtschaftlicher Dynamik, die es in dieser oder jener Form auch in den Gründerjahren westlicher Volkswirtschaften gegeben hat.
Notwendige,
aber unpopuläre Reformschritte
Grundlegend für die russische Wirtschaftsreform war die Freigabe der meisten Konsum- und Investitionsgüterpreise zum 1. Januar 1992. Diese Entscheidung der russischen Regierung unter Gaidar war ebenso mutig wie riskant.
Sa zu diesem Zeitpunkt ein entsprechendes Warenangebot fehlte, mußten die Reformer damit rechnen, daß die Preise in die Höhe schießen und die Inflation anheizen würden. Der Rubel/Dollar Kurs an der Moskauer Devisenbörse stieg zwischen dem 1. Juli 1992 und dem 30. November 1994 von 125 Rubel/Dollar auf 3200 Rubel/Dollar. Bereits im Dezember 1992 kam das Aus für Gaidar, der als Sündenbock für die Preissteigerungen herhalten mußte und von Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin abgelöst wurde.
Gleichwohl war die Preisfreigabe nötig. Ohne sie hätte keine Chance bestanden, das Angebot an Konsumgütern durch Einfuhren aus dem Westen zu verbessern. Zudem hat diese Entscheidung den Reformprozeß im Westen glaubhaft und in Rußland unumkehrbar gemacht.
Therapeutische
Fehlentscheidungen
Neben der Preisfreigabe war der rasche Beginn der Privatisierung ein Kernstück auch des russischen Weges vom Plan zum Markt.
Erste Ansätze einer Privatisierung gab es in Rußland bereits in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Den Anfang hatte das Gesetz über die individuelle Erwerbstätigkeit vom 19. November 1986 gemacht. Selbständige Erwerbstätigkeit im Handwerk und im Dienstleistungssektor war danach zugelassen, wenn auch zunächst nur in der Familie, ohne fremde Beschäftigte.
Die "große" Privatisierung begann am 1. Oktober 1992. Durch Präsidentenerlaß wurden die Staatsbetriebe in offene Aktiengesellschaften umgewandelt. Jeder russische Staatsbürger erhielt unentgeldlich einen Anteilschein (Voucher) im Nennwert von 10.000 Rubeln als seinen Anteil am Staatsvermögen. Die Bürger sollten auf diese Weise die Möglichkeit haben, privatisiertes Staatsvermögen wie Aktien, Wohnungen oder Grundstücke zu erwerben. Der Anteilschein durfte unbegrenzt verkauft, getauscht, verschenkt oder an den Wertpapierbörsen gehandelt werden. Die Anteilscheine konnten auch von Investmentfonds übernommen werden. Nur bestimmte Bereiche waren von der Privatisierung ausgenommen, so Bodenschätze, Anlagen zur Energieerzeugung, die Luft- und Raumfahrt und die Atomindustrie.
Vergünstigungen erhielten die Belegschaften der Staatsbetriebe. Im wesentlichen standen ihnen folgende Möglichkeiten offen:
Variante I: Die Belegschaft entscheidet sich für eine offene Aktiengesellschaftund erhält zu Vorzugspreisen insgesamt 25 Prozent der Anteile als nicht stimmberechtigte sowie 15 Prozent als normale, stimmberechtigte Aktien. Diese Variante ließ Platz für Investoren und zwar das, was Anatolij Tschubais, der Chef des russischen Privatisierungskomitees, eigentlich wollte.
Variante II: Die Belegschaft sichert sich 51 Prozent der Aktien (geschlossene Aktiengesellschaft). Diese Variante war ein von den Radikalreformern ungeliebtes Zugeständnis an die mächtige Riege der alten Kombinatschefs.
Ich erinnere mich noch genau an das Hin und Her im Frühjahr 1992 in den Ausschüssen des Obersten Sowjet, damals dem ständigen Rumpfparlament des Volksdeputiertenkongresses in Moskau. Auf der einen Seite standen die Radikalreformer, die die Staatsbetriebe vom alten Management leerfegen wollten, auf der anderen Seite gemäßigte Reformer, die meinten, ohne die mächtigen alten Kombinatschefs ließe sich eine Privatisierung überhaupt nicht durchsetzen.
Im Ausschuß des Obersten Sowjet für die Wirtschaftsreform wurde damals erwogen, den Zugriff der alten Chefs und der Belegschaft auf die zu privatisierenden Betriebe im Aktiengesetz zu regeln. Ich war damals Berater im Ausschuß, hatte ein Büro im Weißen Haus, und der Vorsitzende des zuständigen Unterausschusses fragte mich, ob nach deutschem Aktienrecht die Aktionäre ihre Einlagen auch als Sachleistungen einbringen könnten. Als ich dies bejahte, wollte er wissen, ob man nicht den Kopf des Kombinatschefs und die Belegschaft als Sachleistungen in die neuen russischen Aktiengesellschaften einbringen und diesen Betriebsangehörigen dafür die Mehrheit der Anteile zusprechen könnte. Mich hatte damals blankes Entsetzen gepackt und ich hatte unter anderem eingewendet, daß sich an einer solchen Gesellschaft, die mehrheitlich im Besitz der alten Mannschaft bleibe, kein vernünftiger Investor beteiligen würde. Man hat es dann nicht im Aktiengesetz geregelt, sondern durch die Variante II des Privatisierungsprogramms.
Diese Extrawurst für die alten Kombinatschefs und ihre Mitarbeiter führte zu einer Konservierung überlebter Machtstrukturen, die von vornherein jeglichen Konsens mit den "neuen Russen" ausschloß. So kam es, daß die alten und die neuen russischen Eliten, statt den Aufbau einer neuen Wirtschaft und Gesellschaft anzupacken, sich allesamt zunächst über die Hinterlassenschaft der sowjetischen Zwangswirtschaft hermachten. Jeder riß für sich möglichst große Stücke aus dem Kadaver heraus, um sich so eine gute Ausgangsposition für das neue Leben zu sichern.
Überhaupt hat die mit dem Namen des damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Tschubais verbundene Privatisierung den Glauben der Bevölkerung an die Marktwirtschaft nicht gefördert. Der Anteilschein (Voucher) über 10.000 Rubel, den jeder Bürger kostenlos erhielt, wurde durch die galoppierende Inflation rasch entwertet. Die Voucher-Privatisierung war auch nur ein Vehikel, um den Staat aus den Betrieben hinauszukriegen. Die Bürger lieferten den Schein beim eigenen Kombinatschef ab, veräußerten ihn an Spekulanten oder investierten ihn in einer der Investmentgesellschaften, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Eine Rendite erhielten die meisten nicht. Gründer und Betreiber der Investmentgesellschaften waren vielfach dubiose Gestalten, aber ihnen war gar nicht die Aufgabe zugedacht, in die Betriebe zu investieren. Von ihnen erwartete man lediglich, daß sie sich durch - wenn auch zeitraubende - weitere Schritte, einzeln oder gemeinsam, Mehrheiten an dem einen oder anderen Betrieb verschafften. Durch die Weiterveräußerung solcher Mehrheitsbeteiligungen an interessierte westliche oder russische Banken oder Investoren würden sie schließlich ihr Geschäft machen und die Betriebe zu ihrem Kapital kommen. Dies war, wie ich weiß, der wirkliche Hintergrund des russischen Privatisierungskonzepts.
In der zweiten Phase der Privatisierung, in der auch Betriebe der Grundstoffindustrien gegen Geld versteigert wurden, wurde das Staatseigentum vielfach zu geringen Preisen verschleudert. Zur Begründung wurde gesagt, daß die Anteile, zum Beispiel von Ölgesellschaften, im Inland bleiben sollten, die Finanzkraft der russischen Banken aber begrenzt sei. Daher müsse man sich danach richten, welchen Kaufpreis die Erwerber aufbringen könnten.
Dennoch sind
Hoffnungszeichen sichtbar
Abgesehen von diesen Kinderkrankheiten der Transformation betrachten ausländische Beobachter, auch die Weltbank, die Entwicklung der russischen Wirtschaft - wie auch der polnischen und tschechischen - mit Wohlwollen. Die Industrieproduktion Rußlands scheint sich, wenn auch auf niedrigem Niveau, zu stabilisieren; das Inflationstempo reduzierte sich auf fünf Prozent monatlich; die ausländischen Direktinvestitionen in Rußland nehmen zu, wobei allerdings Deutschland als größter Handelspartner Rußlands hier nicht an erster Stelle liegt.
Prekär ist die Lage der russischen Staatsfinanzen. Die Einnahmeseite des Haushalts ist ständig notleidend. Steuern gibt es in Rußland erst seit der Wende zur Marktwirtschaft, und bisher fühlt sich niemand verpflichtet, sie zu bezahlen. Die Steuerpflicht ist noch nicht in das allgemeine Rechtsbewußtsein eingegangen. (...)
Erfreulich ist die wachsende Kompetenz der Regionen, mit wirtschaftlichem Schwierigkeiten selbst fertigzuwerden. Die russische Verfassung ist ausgesprochen föderativ. Die 89 Regionen ("Subjekte der Föderation") beanspruchen und erhalten immer mehr Selbständigkeit in Finanzfragen und bei der Förderung von Investitionen.
Wie es aussieht, wird Rußland sich in puncto Marktwirtschaft in den kommenden Jahren Schritt für Schritt dem Westen annähern. Nachdem freie Preise, offene Märkte, niedrigere Inflationsraten und Privatisierung gewährleistet erscheinen oder auf gutem Wege sind, empfiehlt die Weltbank als nächste Schritte den Ausbau des Rechtssystems, wobei es nötig sei, daß auch die Politiker und Beamten sich an die neuen Regeln halten; die Stärkung des Finanzsektores; den Umbau der staatlichen Bürokratie, insbesondere der Steuerverwaltung; die vernünftige Aufteilung der Befugnisse zwischen der Zentrale und den regionalen Regierungen; die Unterstützung, nicht die Verdrängung des privaten Sektors; eine Reform des öffentlichen Gesundheits- und Erziehungswesens (...) sowie die forcierte Eingliederung Rußlands in die Weltwirtschaft.
Ich halte neben der Steuerreform die Entmachtung der alten Monopole für das Wichtigste. Wenn man die "Privatisierung" der Grundstoffindustrien, so weit sie bereits vorgenommen ist, nicht rückgängig machen will, bleibt die Möglichkeit, unter staatlicher Zwangsverwaltung die Entflechtung vorzunehmen. Die Russen brauchen bald einen [eigenen] Sherman-Act, wie ihn die Amerikaner 1890 als Staatsnotwehr gegenüber den Rockefeller-Monopolen (Öl und Eisenbahnen) erlassen haben!
Rußland wird deshalb weiter auf die Marktwirtschaft setzen, weil es neben den USA Supermacht bleiben oder wieder werden will und weil seine Führer wissen, daß dies nicht nach überlebten sozialistischen Rezepten geht, wie sie heute nur noch von Statisten auf der Weltbühne wie Kuba und Nordkorea krampfhaft hochgehalten werden. Außerdem profitiert die politische Klasse Rußlands schon zu sehr vom Markt, als daß ein Rückschritt in alte Zeiten zu befürchten wäre.
Das Erbe Ludwig Erhards braucht mutige Treuhänder
Ob der Gedanke der Sozialen Marktwirtschaft, der Wunsch nach einem humanen dritten Weg zwischen Marktradikalismus und zerstörerischem Sozialismus für uns, für Rußland und für ganz Europa in Erfüllung gehen kann, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir, die Deutschen, mit dem Erbe Ludwig Erhards umgehen. Werden wir es schaffen, Sozialpartnerschaft, Solidarität, inneren Frieden marktkonform und ohne in den Wohlfahrtstaat abzugleiten in die kommenden Zeiten härteren Wettbewerbs hinüberzuretten?
Angesichts der inzwischen sehr unterschiedlichen Lebensverhältnisse unserer Bürger, der Entdeckung einer "neuen Armut", der Zersplitterung des Gemeinwohls, des Verfalls der alten Werte und der Anpassungsprobleme, welche die europäische Integration und unsere (fehlende) Einwanderungspolitik mit sich bringen, fällt es schwer, auf eine Wiedergewinnung der Insel der Seligen zu hoffen. Jedenfalls müssen wir in Europa den amerikanischen Marktrigorismus abwehren. Das Gesicht der Marktwirtschaft in Europa ist auch eine kulturelle Angelegenheit. Ökonomische Effizienz ist für uns nicht Selbstzweck, sondern soll möglichst vielen von uns ein angenehmes Leben sichern. Das amerikanische Modell schafft zwar mehr Arbeitsplätze und mag, in Zahlen ausgedrückt, die Interessen der Kapitaleigner besser bedienen, aber die Zahl der Armen nimmt zu, und der Mittelstand ist in den USA bereits weitgehend ruiniert. Niemand sollte sich von Großmäulern unter unseren Managern bange machen lassen, die die Wirtschaftspolitik zum bloßen Zuträger des 'shareholder value' ihrer Unternehmen machen wollen und drohen, zum nächsten Wirt zu surfen, wenn ihnen die Politiker nicht zu Willen sind. Wer deutsche Konsumenten braucht, um seine Ware abzusetzen, sollte sich die Repräsentanten der deutschen Politik nicht zu Feinden machen. Was Amerika zusammenhält, der amerikanische Traum, ist uns ebenso fremd wie den Amerikanern eine Konsensgesellschaft.
In der Welt gibt es genug zu tun. Wenn es uns gelingt, bei der Fortschreibung der Marktwirtschaft Maß und Mitte zu wahren, könnten wir uns mit Zuversicht den neuen Herausforderungen stellen. Die Frage ist: Wie lassen sich verwöhnte, mißmutige und immobile Eliten, mit denen unser Land am Ende dieses Jahrhunderts geschlagen ist, dazu bringen, mit neuen Ideen und Produktinnovationen den Wettstreit mit den intelligenten und fleißigen Ostasiaten und bald auch mit den Reformländern Osteuropas aufzunehmen? Werden wir unsere Regulierungswut zurückschrauben können? Neue Kraft, ein neues Selbstbewußtsein müssen her! Das integrierte Europa einschließlich Rußland könnte unsere Aktionsspielräume erweitern und uns stärker machen. Aber auch die Gefahr liegt nahe, daß wir uns in dem ohnehin überbürokratisierten Brüsseler Europa in den Netzen des Protektionismus verfangen und die Brücken zur Festung hochziehen.
Wo ist der neue Ludwig Erhard?
Aus: Ludwig Erhard 1897-1997: Soziale Marktwirtschaft als historische
Weichenstellung -
Eine Festschrift zum hundertsten Geburtstag von Ludwig Erhard,
Herausgeber: Ludwig Erhard Stiftung