Betreff: 4. Konferenz - Von: Edgar Franzmann - Datum: 02.11.1998
Viel Erfolg!

Betreff: Login - Von: Segbers - Datum: 05.11.1998
Guten Tag.

Betreff: Start - Von: Bernd von den Brincken - Datum: 05.11.1998
Herzlich willkommen zur 4. Internet-Konferenz des Aurora e.V. - Alexander Rahr von der DGAP läßt sich
entschuldigen, er mu0te dringend nach Berlin, hat aber einen aktuellen Text zum Thema zur Verfügung gestellt (in der Aurora-Seite, unter Rahr; www.kanka.de/aurora/konf4/mafia3.htm). Ein Text von Dr. Knabe wurde eingesetzt in die "Interna" und wird auch hier erscheinen. Von den anderen Teilnehmern bitte ich um einen kurzen Testtext, am besten in "Aurora-Interna" (links oben).

     Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
     Antwort: ich bin dabei das System zu erproben
     

 Betreff: Handlungsspielraum der Rechtspolitik - Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
Zum Einstieg eine Frage an Dr. Bergmann, der als juristischer Berater haeufig in Moskau ist.
Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage, gibt es fuer rechtspolitische Beratung ueberhaupt einen Handlungsspielraum - wird nicht alles langfristige Denken von aktuellen, draengenden Problemen ueberladen?

Betreff: Guten Tag - Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
Herr Professor Segbers, in einer der letzten Ausgaben der International Business Week konzentrierte man sich in ihrem Titelthema schon wieder auf die möglichen Nachfolger Jelzins. Luschkow bzw. Lebed. Sieht man die vergangenen Jahrzehnte, dann kann man immer wieder beobachten, dass politische Kreise im Westen meinten, Sie muessten nun die jeweils herrschende Person in Moskau unterstuetzen. Time schrieb dies sogar einmal ueber Stalin.
Frage: Kommen wir (im Westen) mit solchen Betrachtungsweisen eigentlich weiter. ?

     Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
     Die Personendebatte wurde ja in der letzten Konferenz schon geführt - ich moechte dafür      plädieren, hier wirklich auf die rechtspolitische Perspektive zu fokussieren.      

     Von: segbers - Datum: 05.11.1998
     das ist nicht ganz zum heutugen thema, aber dennoch: nein. interessen müssen als solche      definiert werden, nicht immer direkt auf personen bezogen. da derzeit in der rf wenig herrschaft      herrscht, macht die unterstützung der jeweils scheinbar herrschenden nicht so viel sinn, nicht      wahr? eine breitere kontaktstratgie wäre dringend nötig.      

Betreff: Überlegungen zur "System-Mafia", 1/2 - Von: Dr. Knabe - Datum: 05.11.1998
Überlegungen zur Genese und den Aktivitäten der "System-Mafia" in Rußland Politiker und Wissenschaftler stellen zunehmend Probleme bei der Transformation des politischgen und wirtschaftlichen Systems Rußlands fest, vom ursprünglichen Motto Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft" wird kaum noch gesprochen. Es werden "objektive" Faktoren genannt, die diese Schwierigkeiten erklären sollen, dabei auch Phänomene der Schattenwirtschaft und der allgemeinen Kriminalität, die dann aber oft als typisch für die instabilen Verhältnisse einer Transformationsgesellschaft bezeichnet werden. Für das Verständnis der gegenwärtigen Lage wird das Wissen von der Existenz und den Aktivitäten einer System-Mafia" für unerläßlich gehalten - im deutlichen Unterschied zu verschiedenen Formen der organisierten Kriminalität. Eine solche System-Mafia hat es, freilich in sehr unterschiedlichem Umfang, während der gesamten Periode des Sowjetsystems gegeben. Begünstigt durch die seit den sechziger Jahren erfolgten Differenzierungen innerhalb der Nomenklatura der KPdSU scheinen mehrere Gruppen der obersten Leitungsebene seit etwa 1988 zielstrebig Vorbereitungen für einen Systemwechsel getroffen zu haben. Die zuständigen Behörden Rußlands haben einen ausgezeichneten Überblick über das System der organisierten Kriminalität ihres Landes. Sie verzichten aber auf ein konsequentes Vorgehen gegen dieses etablierte System , da sie seine Führer als Partner im Kampf gegen die gewöhnliche Kriminalität betrachten. Für diese "utilitaristische" Einstellung könnte man angesichts der instabilen Lage Verständnis haben. Es geht aber seit etwa 1987/88 nicht mehr nur um diesen Aspekt der Zusammenarbeit, sondern um Operationen, bei denen die Absicherung ökonomischer Aktivitäten - im Auftrag oder im Interesse herrschender Eliten - im Vordergrund steht.
Die bekannte Wissenschaftlerrin und frühere Beraterin Jelzins T. Saslawskaja erklärte in einem Interview, das die Moskauer "Literaturzeitung" im Mai 1998 veröffentlichte: " Gegen das gewöhnliche Verbrechen kann noch gekämpft werden. Aber es ist unmöglich, gegen daa Hauptübel zu kämpfen, die große Wirtschaftskriminalität. Je bedeutender ein Wirtschaftsverbrechen ist, um so sicherer wird seine Untersuchung von oben aufgehalten...Das ist ein System, das sich herausgebildet hat...
Tatsächlich basiert doch diese Oligarchie, basieren ihre Grundlagen auf unserer Staatsmaschinerie, vor allem in den oberen Machtgrupierungen...Das Land wird wohl von ungefähr 1000 Menschen regiert, die sehr eng miteinander verbunden sind, die ihre Interessen schützen und diejenigen bestrafen, die versuchen, gegen sie vorzugehen. Deshalb sehe ich keine Führungsperson, die gegenwärtig das Land gegen den Willen und die Interessen diesert 1000 Menschen regieren könnte..."

     Von: Dr. Knabe - Teil 2/2 - Datum: 05.11.1998
     In dem kürzlich von den Moskauer Sozialwissenschaftlerrn L. Kosals und R. Rywkina      herausgegeben Buch "Soziologie      des Übergangs zum Markt in Rußland" werden Aktivitäten der Rechtsschutzorgane und der      großen Monopolbetriebe      folgendermaßen skizziert:      "Das reale Verhalten der Bevölkerung und der Machtorgane wird während der Reform nur in      einem bescheidenen Umfang      durch Gesetze geregelt. Vor allem die herrschenden Grupen sind an einer effektiven Arbeit des      Rechtsschutzsystems      nicht interessiert. Die normale Arbeit der Gerichte, der Staatsanwaltschaft und anderer Organe      würde die Hände der      Vertreter von Gruppen mit hohem Status imKampf um die Verteilung und Umverteilung des      früheren sozialisstischen      Eigentums fesseln. Außerdem ssind die Rechtsscghutzorgane selbst tief in wirtschaftliche      Aktivitäten einbezogen und      sind eines der wichtigsten Subjekte dieser Aktivitäten im heutigen Rußland.
     Es gibt einen gewissen 'Sozialvertrag' zwischen den 'quasiprivaten' Monopolen und den      herrschenden Gruppierungen. In      Perioden relativer politischer Stabilität schließen letztere die Augen hinsichtlich der      Schattentätigkeit dieser Monopole - sie      geben ihnen die Möglichkeit, relativ gut zu existieren, indem sie de facto ihre Steuerlast senken      und ihnen erlauben,      rechtlich fragwürdahlungen zwecks Aufrechterhaltung der soziopolitischen Stabilität und des      bestehenden Regimes, das      seinerseits günstige Bedingungen für die Existenz der Monopole schafft..."      In einem anderen, ebenfalls kürzlich in Moskau erschienen Buch spricht Rywkina vom "tragischen      Charakter der
     Transformation":
     "Der tragische Charakter der Transformation der Gesellschaft Rußlands erklärt sich durch die      Taubheit der neuen      herrschenden Klasse gegenüber den In teressen der Bevölkerung und des Landes, durch die      Verantwortungslosigkeit der      neuen herrschenden Elite...Im Ergebnis werden die begonnenen Reformen zur Artena des      Kampfes verschiedener      politischer Clans um ihre Gruppeninteressen."
     

Betreff: allgemein - Von: segbers - Datum: 05.11.1998
ich schlage vor, antworten zu sammeln zur frage, warum denn die befassung mit russischer "mafia" wichtig sein mag? welche erkenntnisse außer gruseln sind damit verbunden?

     Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
     Eben, es geht ja auch um die "Rechtspolitik" - und um die These, dass deren Genese und die      unter dem Schlagwort "Mafia" gehandelten Phänomene in Beziehung zueinander stehen.
     

     Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
     Eventuell die Erkenntnis, das die "westliche Defintion" von Mafia schon nicht mehr weiterhilft,      wenn man das "vermeintliche oder tatsächliche" Ausmass der Verbreitung mafiöser Strukturen      beobachtet.
     

          Von: segbers - Datum: 05.11.1998
          aber dann erneut: warum ist denn das "ausmaß" von mafia dort so wichtig? warum nicht           institutionelle schwäche, roving/ stationary bandits, interessenfragen, property rights           verteilungen usw.?           

               Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
               Weil der Begriff Mafia mit einer bestimmten Definition belegt ist. Wuerden Sie mit                "Eigentumsfragen" agrumentieren wuerden sich doch gleich die Frage nach der                Rechtmaessigkeit der Enteignungen in Ostdeutschland aus der Zeit von 45 - 49                stellen. Und damit die Frage nach der Rechtmaessigkeit der Politischen Klasse in                Deutschland.
               

               Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
               Dass nun gleich die ganze "Politische Klasse" Deutschlands thematisiert wird, ist                vielleicht etwas weit gegriffen, und gehört auch nicht ganz ins Thema...
               

               Von: segbers - Datum: 05.11.1998
               nein, das ist nicht so politisch gemeint. es geht um die frage, ob/ wann, ab wann eine                fixierung von verteilungsrechten möglich ist, und ab wann interessen über die jeweils                nächstliegenden hinaus gesehen und verfolgt werden. das setz eine gewisse phase                der wilden bereicherung voraus, aber dann deren allmähliche konvertierung in                größere rechtsicherheit. übrigens - heute nicht unbedingt auf dem territorium der                bisher bekannten nationalstaaten.
               

               Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
               Ließe sich hier agrumentieren, das dieser Zeitpunkt genau dann auftritt, wenn diese                Interessen zumindest mittelfristig konsolidiert und gesichert werden sollen damit der                Besitz, den man sich angeeignet hat auch langfristig gesichert werden kann. Auf                diese Weise lassen sich die Transaktionskosten der permanenten eigenstaendigen                "Diebesgut" Verteidigung senken.
               

          Von: Josef Vielhaber, Berlin - Datum: 05.11.1998
          Gestern abend sagte mir Lothar Späth nach einem Vortrag an der Freien Univers. Berlin           auf die Frage, warum sein dynamisches Wirtschaftsimperium Jenoptik nicht mehr in           Rußland engagiert sei: "wegen der Mafia... Wissen Sie, ich verliere dann einfach auch die           Lust an solcher Zusammenarbeit. Wir würden da nur unsere Zeit verlieren. Ich glaube aber           schon, daß Rußland s p ä t e r auch mal wieder ein interessanter Wirtschaftsmarkt wird". -           Zu klären sein könnte m.E.: Ist "russische Mafia" ein Merkmal kultureller/sozialer Differenz           zw. Rußland und dem Westen oder ein "normaler" Kriminalitätsfaktor oder/und schlicht           Sand im Getriebe der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit/ohne Rußland?
          Gerade die vielfältigen objektiven/subjektiven Dimensionen des Phänomens scheinen mir           reizvoll.
          

     Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
     Man sollte nicht allgemein von der "Mafia" oder von organisierter Kriminalität sprechen - diese      Phänomene gibt es überall und wird es auch in Zukunft geben. Für die politische Dimension und      für das Transformationsgeschehen ist es wichtig, nach den Aktivitäten und den Zielen einer      spezifischen "System-Mafia" zu fragen, die es in dieser Form nur in Rußland (und wohl in      anderen früher sozialistischen Staaten ) gibt. Mit meinen Thesen habe ich versucht, dies      anzusprechen.
     

          Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
          Wenn man nach den Zielen der "System-Mafia" fragt, hilft es da weiter, westliche Vorstellen           der Nutzen und Profitmaximierung heranzuziehen, oder beschraenkt sich dies letztlich auf           ein           "Zuletzt lacht der, der zuerst schiesst".
          

               Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
               Mit "Nutzen" und "Profitmaximierung" kann m. E. in diesem ZUsammenhang nicht                operiert werden - dies kann ich mir nur bei denjenigen vorstellen, die ihren
               "Ausstieg" aus dem "System" planen, wie z. B. Tarasow, der jetzt in London lebt. Bei
               anderen Repräsentanten des "Systems" dürfte es meist um
               Investitionsentscheidungen gehen, die nicht nur von ihnen selbst, sondern von
               speziellen Koordinatoren ausgehen. Die einzelnen Interessengruppen dürften sich
               bei den wichtigsten Entscheidungen weitgehend abstimmen. Mir ist klar, daß viele
               Aussagen in diesem Bereich spekulativen Charakter haben - das liegt aber in der
               Natur der Sache!                

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Es ist sicher richtig, dass die aktuelle Problematik der zahlreichen offenen Machtfragen auch die längerfristigen Grundsatzfragen tangiert, aber nicht unbedingt überlagert.Allen politisch Handelnden ist klar, dass die grundlegenden Fragen der Rechtsordnung vorangetrieben werden müssen. Deshalb sind alle grundlegenden Kodifikationen der letzten Jahre (ZGB, GmbHG, AktienG, Reform des Strafrechtes) auch mit breiter DUMA-Zustimmung ins Werk gesetzt worden.Fazit: Beratung macht Sinn, muss aber gleichermassen sensibel wie konsequent vorgetragen werden.

     Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
     Dazu eine Frage nebenbei: Ist man als _deutscher_ Berater da in einer anderen Position als die      Berater anderer Nationen, etwa der USA. - Und: Gibt es grundsätzliche inhaltliche Unterschiede      zwischen US- und deutschen Beratern (wie das bei den Wirtschaftsfragen durchaus vorkommt,      vgl. letzte Konferenz).
     

     Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
     Könnten Sie dieses Fazit etwas naeher erlaeutern.
     Zur Thematik auslaendischer Beratung in Moskau ist mir bislang immer die Position Prof. Karttes      bekannt, der in seinen Publikationen haeufig auf den großen Einfluss amerikanischer Berater      hingewiesen hatte. !
     

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Ich halte es müsig, über den im Westen geprägten Begriff "Mafia" zu reflektieren, weil diese Diskussion zu keinem Ergebnis, aber zu vielen Emotionen führt. Dass sich solche Strukturen entwickeln konnten ist auch, vielleicht überwiegend vom Westen verursacht. Illegaler Geldtransfer in Milliardenhöhe, so er denn wie allgemein behauptet stattfindet, ist nicht ohne Mitwirkung westlicher Strukturen möglich. Gleiches gilt für viele andere Bereichen dessen, was mit "Mafia" umschrieben wird.Wenn westliche "Berater" im rechtswidrigen Zusammenwirken mit russichen Strukturen für Geldtransfers sorgen, sollten gerade wir nicht mit dem Finger auf die "Mafia" zeigen.

     Von: Fabian Weber - Datum: 05.11.1998
     Herr Prof. Bergmann - könnten Sie einmal kurz an einem praktischen Beispiel sagen, wie sich      eine "richtige" Rechtspolitik positiv auf das Geschäftsgebaren russischer Unternehmer auswirkt?
     

Betreff: Alltagsleben - Von: Corinna Weiss - Datum: 05.11.1998
Mich würde interessieren, wie sich die organisierte Kriminalität auf das tägliche Leben der Menschen in Russland auswirkt. Muss man sich das wie eine Art Bürgerkrieg vorstellen?

     Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
     Die OK wirkt sich auf das Leben des Normalbürgers kaum oder gar nicht aus. Problematisch wird      es vor allem dann, wenn man ökonomisch aktiv werden will. Die meisten der Anfang der      neunziger Jahre gestarteten kleinen und mittleren Unternehmen haben sehr bald Kontakt mit der      OK bekommen, wobei es sich i.a. um Schutzgelder gehandelt hat.
     

     Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
     Das ist eine Frage der Definition. Nach dem 2. Golfkrieg stellten amerikanische Soldaten einen      Antrag auf "Extra Combat Pay" obwohl der Krieg doch vorbei war. Sie waren auf dem Weg nach      New York wo wesentlich mehr Menschen im Rahmen der Kriminalität ermordet wurden.      Ich denke mal das das taegliche Leben des einzelnen durch die Aktivitaeten zusaetzlich erschwert      wird. Da sich der einzelne aber auf das "Ueberleben" selbst konzentriert, ist von dieser Seite, dies      ist vergleichbar zur Situation der Zivilbevölkerung während Luftangriffen, nicht damit zu rechnen,      das die Zeit haben etwas gegen die Mafia zu unternehmen.
     

     Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
     Im Alltagsleben ist der Einzelne weniger durch Straßenraub o.ä. gefährdet als etwa in unseren      Größstädten. Von daher isr es umso wichtiger, jeweils genau zu sagen, welche Kriminalität man      meint, anstatt in vornehmer Zurückhaltung nur in Andeutungen zu reden. Gerade dieses Vakuum      wird ja in vielen deutschen Medienproduktionen zu Gruselbildern verzerrt.
     

Betreff: Beitrag von Aleander Rahr und Phlipp Pachomow - Von: Kai Ehlers - Datum: 05.11.1998
Alles Mafia? Und doch Hoffnung auf Entwicklung "konstruktiven" Kapitakls? Die zentrale These Ihres Aufsatzes ist sicher richtig: Liberalisierung = Anarchisierung der kriminellen Strukturen. Aber es wurde ja nicht nur die Mafia anarchisiert, es wurde doch die gesamte Gesellschaft, insonderheit der Staatsapparat anarchisiert. Der Staat zog sich aus seiner verantwortung zurück. Das Zentrum kann seine über Jahrhunderte hindurch entstandene Funktion des zentralisierenden Ausgleichs der realen Anarchie dieses ungleichmäßig entwickelten Raumes Rußland nicht mehr wahrnehmen. Die Lösung des Problemes liegt nicht in irgendeiner Art von - wie auch immer weit gesteckter - Bekämpfung der Kriminalität, sondern in einer Neugestaltung des staatlichen Selbstverständnisses Rußlands.

     Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
     Damit wuerden Sie aber einer Art von Aufgabe von Moskauer Zentralgewalt das Wort reden. !      Oder
     

     Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
     Anmerkung: Der erwähnte Beitrag von Rahr/Pachomov ist wegen seiner Länge nicht in dieser      Konferenz abgelegt, sondern auf der Aurora-Seite. Es geht dort um die historische Entwicklung      einer organisierten Kriminalität und deren Spaltung in "Traditionalisten" (die bestimmte      "Vereinbarungen" mit dem Staat einhalten) und "Modernisten" (die selbst politische Macht      anstreben).
     Frage an Kai Ehlers: Wie sähe ein konsequent zuende gedachter Entwurf dieser "Neugestaltung"      aus - und welche Rolle haben darin die "informellen Organisationen"?
     

Betreff: Zur Bedienung - Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
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Betreff: Forts. meines Beitrags - Von: Kai Ehlers - Datum: 05.11.1998
Mein Beitrag wurde versehentlich unterbrochen Neugestaltung staatlicher Beziehungen kann im Wesentlichen nur bedeutetn, herauszukommen aus dem bisherigen Dualismus russischer, dann sowjetischer Geschichte, in der ein extremer Zentralismus ein eine extrem auseinandertreibende Vielfalt gewaltsam zusammenhalten muß, in der Gesellschaft und gegensesellschaft, Staat und Gegenstaat sich notwendigerweise gegenseitig bedingen. Diese Aufgabe könnte eine Politik leitsen, die einerseits die Dezentralisierung und Regionalisierung des russischen Raumes akzeptiert, andererseits für eine starke staatliche Ordnung eintritt. Das muß nicht schon wieder notwendigerweise im Entweder-Oder von Legalisierung der Mafia ODER Sieg des konstruktiven Kapitals enden. Wie genau es endet, ist in der Tat offen.

     Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
     In Gespraechen mit Russen wird von diesen immer gern auf die US-Geschichte verwiesen: Dass      es irgendwann einen grossen "Deal" zwischen den Organisationen und der Regierung gab, wo      alle bisherigen Besitztümer legalisiert wurden, gleichzeitig aber für die Zukunft eine deutliche      Bekämpfung illegaler Aktivitäten angekündigt wurde. Nur gibt es wohl kulturelle Unterschiede      zwischen der US- und der GUS-Gesellschaft. Kann es dort ähnlich ausgehen?
     

          Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
          Dieser Tatbestand deckt sich mit Erfahrungen, die im Zuge von Wirtschaftsreformen in der           Volksrepublik China gemacht worden sind.           Vor allem der Erfolg des Privatsektors wird damit erklaert, das sich zuerst einmal           Besitztuemer angeignet worden sind. Die Fragen des Eigentumsrechts wurden erst danach           erklaert. Die Finanzverfassung hat es dabei aber auch erzwungen, das vorhandene           Investitionsgelder auch tatsaechlich investiert worden sind, und nicht spekulativ verwendet           wurden.
          

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Zu der Frage von Herrn Weber:Auch wenn beim Geschäftsgebahren russ. Unternehmer sicher noch manche Wünsche unsererseits offen sind,unterscheidet es sich deutlich von dem staatlicher Aussenhandelsorganisationen der früheren Sowjetunion.Eiffizenz-, Kosten- und Leistungsrelationen, effektive Preisbildung im Hinblick auf die Qualität sind Standards geworden, an denen sich zunehmend auch die russ. Unternehmen orientieren.

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
ich begrüse sehr die These von Herrn Ehlers, dass Dezentralisierung oder besser: die Stärkung der Strukturen in der Fläche eein notweendiger Teil des noch zu leistenden Transformsationsprozesses sind. Die westlichen Aktivitäten sind noch zu stark auf Moskau und St. Petersburg zentriert.

     Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
     Herr Ehlers hat im Prinzip recht, wenn er vermutet, daß eine stärkere Regionalisierung ein      Schlüssel des Auswegs aus der Krise sein könnte - faktisch läuft es zur Zeit auch so. Für eine      ganze Reihe von Föderationssubjekten spielt die in Moskau gemachte Politik kaum noch eine      Rolle. Trotzdem gibt der Standpunkt des jahrelangen Beraters der Moskauer Regierung A.      Aslund zu denken, der die Entwicklung in den Regionen während der letzten Jahre für viele      landesweite Negativtrends verantwortlich macht ( so zuletzt in der "Internationalen Politik").
     

          Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
          Heisst "Regionalisierung" eigentlich automatisch, dass damit die "Föderationssubjekte"           gemeint sind, also die historisch aus Stalins Zeiten stammenden Regionen. - Als           universelles Konzept koennte "Regionalisierung" doch auch bedeuten, dass _jeweils_           kleinere Einheiten gebildet werden. Im Endeffekt sind ja auch die letztlich von Kai Ehlers           erwähnten "Obtschina" regionale Strukturen.
          

Betreff: Eine Überlegung zu den Implikationen der gegenwä - Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
Fatal scheint mir, daß die Begriffe "Marktwirtscgaft", "Demokratie" und "Rechtsstaat" bei den meisten Menschen in Rußland in Mißkredit gekomen sind - dies läßt sich kaum reparieren! Ich möchte auf einen Aufsatz des Hanburger Juristen Prof. Luchterhandt hinweisen, der im Oktoberheft der Internationalen Politik" zum Thema Rußland als Rechtsstaat erschienen ist. Er schreibt:
"Die Tragik der Situation liegt darin, daß das Rechtsstaatsprinzip kraft der Verfassung formell fortgilt, durch die gegenläufige Wirklichkeit jedoch letztlich verhöhnt und in den Augen der frustrierten Bürger als Ideologie...in Mißkredit gerät." Für Luchterhandt ist Präsident Jelzin nicht der "Garant der Verfassung", sondern eine Quelle ihrer Gefährdung".

     Von: Fabian Weber - Datum: 05.11.1998
     Vielleicht ist es ja auch gar nicht die letzte Weisheit, einen RECHTS-STAAT hochzuhalten. Im      Zusammenhang mit der erwähnten Regionalisierung könnten doch auch RECHTS-REGIONEN      gebildet werden, die dann auch mehr eigene Verantwortung und Identität haben. Oder mache ich      da (als nicht-Jurist) einen Denkfehler?
     

          Von: segbers - Datum: 05.11.1998
          neun, gar nicht. sehr vernünftig. das dauernde schimpfen und jammern über geringe und           nicht durchgriffige rechtstaatlichkeit ist letztlich emotional und hilflos, ignoriert im übrigen           auch zumeist souerän die ganze literatur (vor allem public choice, strong/ weak states etc.),           die es dazu schon gibt.           und: das nachdenken über regionale und informelle regime ist äußerst fruchtbar.
          

     Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
     "Eine Quelle ihrer Gefährdung". Da kommen einem die letzten Tage von Lech Walesa als      polnischem Staatspräsident in den Sinn, "wo man meinte" es mit der Verfassung auch nicht mehr      so genau nehmen zu müssen. Doch dieser wurde dann in einem demokratischen Verfahren      abgewählt. 1996, während der letzten Präsidentenwahl, meinte man aber im "Westen" Jelzin      unterstuetzen zu muessen.
     Sjuganow habe ich hier in Bonn bei einer DGAP veranstaltung kennengelernt und ich hatte schon      den Eindruck, das Sjuganow die Rolle des IWF fuer Russland sehr wohl bewusst war.      

          Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
          Die personaldiskussion scheint ja eine never-ending-story zu sein. Vielleicht machen wir           dazu besser ein eigenes Dauer-Forum...
          Scheint mir auch irgendwie ein amerikanischer Stil zu sein, immer nach "griffigen" Personen           zu fragen als nach Strategien.
          

Betreff: Dezentralisierung, Antwort auf Fragen - Von: Kai Ehlers - Datum: 05.11.1998
In der Tat- die Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse im russischen, sagen wir, nachsowjetischen Raum, stellt die Zentralgewalt in Frage - in der Form mindestens, wie sie sich von der Selbstherrschaft des Zarismus über die Sowjetunion bis kurz vor Auflösung der UdSSR entwickelt hatte: als überzentralisiertes imperiales Zentrum, das an seiner eigenen Überzentralisierung und Überspezialisierung zugrundegehen MUSSTE. De Mafia als Gegengesellschaft ist Bestandteil dieses Prozesses, der das reale gegengewicht zu dieser
Überzentralisierung darstellt - selbst wiederum in diesen Formen organisiert.

Betreff: Forts. meines Beitrags - Von: Kai Ehlers - Datum: 05.11.1998
Wieder unterbrochen, weiter: Die Entwicklung von Macht und gegenmacht in Rußland, Zentralismus und Anarchismus etc.. wie immer diese Paare zu benennen sind, hat eine lange Geschichte: Sie beginnt bei der Entstehung der Kosalen als Grenzbevölkerung, zieht sich über die "Zonen" des Zarismus, in die die Verbantten geschickt wurden, steigert sich zum GUlag und endet in der heutigen "Legalisierung", bzw. Anarchisierung dieser Doppelstruktur. Diese Anarchisierung = Auflösung der historischen Doppelstruktur ist ein Vorgang von beispiellosem historischem Ausmaß und Charakter.
Dies vorausgesetzt, kann man beginnen über die neuen Formen des staatlichen Verständnisses nachzudenken. Sie werden auf jeden Fall nicht darin bestehen, die alte >Doppelstruktur auf niederer Ebene im regionalen Rahmen zu multiplizieren. Dies wäre nur eine uneffektive Wiederholung eines abngelauenen historischen Prozesses.
Es wird zu einer neuen, gleichberechtigten Beziehung der inzwischen neu entwickelten Räume des nachsowjetischen, auch des jetzigen russischen Raumes kommen. Ob das in födertaler oder in konföderaler Weise geschieht, ist z. Zt. eine offene Frage - aber nur das ist offen.

Betreff: Zu den "Oligarchen" in Rußland - Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
Sicher ist es für viele Leser von Interesse, welche spezifischen Merkmale die "Oligarchen" auszeichnen, die freilich nicht alle mit der "System-Mafia" in Verbindung zu bringen sind. Nach Darstellung von P. Iwanow in der Zeitschrift "Kommersant-wlast" sind dies insbesondere:
- politischer Einfluß auf föderalem Niveau
- direkter Zugang zum Präsidenten oder zum Premier
- Möglichkeit der Finanzierung von Wahlkämpfen auf der obersten Ebene
- Besitz von Eigentum föderaler Bedeutung
- Innehaben von Steuerprivilegien
- Zugang zu Budgetmitteln
- Besitz oder starke Einflußnahme auf Masenmedien föderaler Bedeutung
- Besitz einer "berühmten" außerstädtischen Residenz.

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Ich halte es für unrealistisch, die vielfältigen Probeleme Russlands auch noch mit dem der "Gebietsreform" zu belasten.Anders formuliert: zumindest für eine längere Übergangszeit wird man wohl oder übel mit den derzeitigen Gebietsstrukturen arbeiten müssen. Im übrigen: gerade die GUS zeigt, dass eine Infrage-Stellung der Grenzen ernsthaft nur vom Luschkov (Krimdebette) aus durchsichtigen Gründen forciert wird, aberr von keinem aussenpolitisch verantwortungtragenden Politiker.

Betreff: Rechtspolitik ! - Von: Bernd vdB - Datum: 05.11.1998
Moderation: Das verbindende Thema soll hier die RECHTSPOLITIK sein. Nochmal der Versuch, dazu eine Debatte anzustossen, die alle Positionen sichtbar macht:
Welche Optionen, welchen Einfluss, welche verschiedenen Modelle hat ggfs. die Rechtspolitik anzubieten?

     Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
     Im Juni 1998 hat die DGAP in Bonn eine internationale Konferenz durchgeführt, die dem      internationalen Kampf gegen das organisierte Verbrechen gewidmet war, anwesend waren auch      Vertreter der Sicherheitsbehörden Rußlands und der USA. Auf dieser Ebene verstehen sich die      Vertreter der verschiedenen Länder ziemlich gut - ich möchte aber trotzdem die Behauptung      wagen, daß dadurch die Idee des Rechtsstaats in Rußland nicht wesentlich vorangebracht wird.      Auch die bisherigen Erfahrungen mit dem Europarat zeigen, daß man mit den Menschenrechten      kaum vorankommt.
     

Betreff: 2. Fortsetzun - Von: Kai Ehlers - Datum: 05.11.1998
Starke natioanlistische Kräfte wollen eine Konföderative Entwicklung nicht zulassen, andere Kräfte streben nach konföderaler Gliederung. So oder so wird es um eine Organisation gleichberechtigter Wirtschafts- und Politischer Räume gehen, die ihre gleichberechtigten eigenen beziehungen ins jeweilig angrenzende und auch weitere Ausland haben.
Nicht möglich ist eine Re-Zentralisierung im Stil des zusammengebrochenen monolithischen Zentralismus. Jeder versuch in diese Richtung ist durch die geschichtliche Erfahrung abgeschnitten. Das Gleiche gilt für die Seite der Mafia - auch sie wird sich pluralisieren, ja, sie hat bereits. Und in diesem Zuge wird sie zum normalen bestandteil der entstehenden Gesellschaftlichen Strukturen werden - wie nicht anders in den sogenannten zivilisierten Staaten des Westens.
Vorausgesetzt - eine solche Entwicklung des Raumes wird zugelassen. Hier ist auch deutsche Politik anders gefordert als bisher. Es ist ein Irrtum, den "kranken Mann" zwischen Europa und Asien dadurch ungefährlich halten zu wollen, daß man ihm immer nur den Kopf streichelt. Man muß auch seinen Leib kurieren - wenn man schon kurieren möchte.

     Von: Bernd vdB - Datum: 05.11.1998
     Lieber Kai Ehlers,      Sie neigen hier zu Monologen. - Auch wenn wir uns hier nicht in die Augen sehen können, ist ein      gewisser Austausch aber vielleicht wünschenswert.
     

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Rechtspolitische Optionen: Die zentrale Aufgabe des Rechts ist durch für jedermann gleiche und vorhersehbare Strukturen Willkür einzugrenzen und Machtmissbrauch zu erschweren.Auch wenn das nach 250 Jahren Zarenreich und mehr als 70 Jahren Kommunismus noch nicht annährend optimal ist,gibt es dazu nur zwei Alternativen: das Göttliche und das Chaotische.Das eine kommt nicht sofort, das andere ist nicht gewollt.
Wenn man den Bewustseinbioldungsprozess in der russischen Gesellschaft beobachtet, zeigt sich deutlich, dass mehr in 8 Jahren nicht zu erwarten war (vergleichen wir doch die ehemalige DDR!). aberr auch eine Menge erreicht wurde.

Betreff: Kurzinfo über Entscheidung russischer Gerichtshof - Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 05.11.1998
Wie ich gerade auf einer anderen WEB Seite lese hat der russische Gerichtshof entschieden, das Praesident Jelzin im Jahr 2000 nicht zum dritten Mal fuer die Praesidentschaftswahlen kandidieren kann. Die russische Verfassung schließe diese Moeglichkeit aus.

     Von: Bernd vdB - Datum: 05.11.1998
     Das gehört nicht zum Thema dieser Konferenz, lieber Ludger Wiedemeier.
     

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Die einzige legale Möglichkeit einer Amtszeitverlängerung für Präs. J. wäre die Verfassungsänderung, z.B.durch Bildung eines neuen Staates mit Russland und Weissland und dann eienem neuen gemeinsamen Staatsoberhaupt oder eine derartige Konföderation mit einem "Konföderalpräsidenten". Aber ist es nicht ein Erfolg der Rechtspolitik, dass man sich auch in Russland daran gewöhnt, derartige Fragen gerichtlich zu entscheiden. Das entspricht nicht gerade russischer/sowj. Tradition!

Betreff: Unternehmensgründung in Russland - Von: Christian Kalscheuren - Datum: 05.11.1998
Mich interessiert einmal, wie das praktisch läuft, wenn man in Moskau z.B. eine Computerfirma gründen will. Hat man dann mit diesen Organisationen zu tun? Oder kann man als Einzel- oder Kleinunternehmer dort praktisch gar nicht auftreten?

     Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
     Lieber Herr Kalscheuren, im Prinzip können Sie sicher eine Computerfirma in Rußland gründen,      am ehsten wohl al Joint Venture. Sie brauchen einen starken Partner, um sich auf dem Markt      behaupten zu können - von Schutz des Wettbewerbs und fairer Konkurrenz kann in der Regel      nicht gesprochen werden. Dieser "Partner" wird im Russischen als "Dach" ("kryscha") bezeichnet.      Diese Konstellation hat etwas mit dem früherer Kurator-System der staatlichen Planwirtschaft der      UdSSR zu tun.
     

Betreff: Aurora - Von: Bergmann - Datum: 05.11.1998
Die Beantwortung der Frage von Herrn Kalscheuren würde den Rahmen dieser Konferenz sprengen. Zudem brauchte man genauere Daten dazu.

Betreff: Verabschiedung - Von: Bernd Knabe - Datum: 05.11.1998
Auch ich muß leider aufhören, ich bedanke mich für alle Beiträge und Fragen. Sie können sich auch in den nächsten Tagen gern direkt an mich wenden (s. e-mail-Adress).

Betreff: Formelles und informelles Recht - Von: Bernd vdB - Datum: 05.11.1998
Aus den Beiträgen von Ehlers und Knabe ergäbe sich, dass neben dem Rechtssystem ein weiteres, aber informelles System von Vereinbarungen besteht. Meine Frage wäre, ob diese Konstellation für eine "gute Entwicklung" prinzipiell schädlich ist - oder ob man nur echte Widersprüche der beiden Regelsysteme vermeiden müsste?

     Von: Fabian Weber, Berlin - Datum: 05.11.1998
     Jedenfalls ist der Nachteil eines "informellen Rechtssystems", dass man nicht (öffentlich) darüber      diskutieren kann, denn es ist eben nur "informell".      

Betreff: betrifft: in die Augen sehen.. - Von: Lai Ehlers - Datum: 05.11.1998
Gut, das Medium verleitet dazu
Versuche ich es einmal mit einer Frage, die die Beiträge von Frau Weiss, Herrn Prof. Bergmann und Dr. Knabe gleichermaßen betrifft,:Alltag, grundlegende Fragen und System-Mafia.
Ist es ein Verbrechen, Moskau keine Steuern zu bezahlen?
Anders gesagt: Kann man eine System-Mafia definieren ohne das System zu definieren?
Alexander Lebed hat den Begriff der schwarzen und der grauen Kriminalität geprägt. Ich glaube nicht, daß man ohne weiteres die uns geläufige Rechtsförmigkeit auf die nachsowjetischen, bzw. heutigen russischen Strukturen übertragen kann. Das Recht muß ja die realen gesellschaftlichen Konflikte und Interessen regeln, dafür muß es von den realen gesellschaftlichen Strukturen ausgehen. Wird das von der gegenwärtigen "Verrechtlichung" der russ. Föderation geleistet?

     Von: Bernd vdB - Datum: 05.11.1998
     "Ist es ein Verbrechen, ... keine Steuern zu zahlen?" ist ja schon eine rhetorische Frage. Aber      jedenfalls ist es: illegal. Es läuft dann auf die Frage hinaus: Wer darf wofür Steuern erheben?
     - Anläßlich der ersten Konferenz über Raumfahrt-Perspektiven bemerkte ein Teilnehmer, daß      ohne Steuerzahler in Rußland jedenfalls die russische Raumfahrt "dicht machen" muss. Das      fände ich persönlich sehr bedauerlich...
     

Betreff: Konferenz - Von: Bernd vd Brincken - Datum: 05.11.1998
Die Moderation zieht sich erst einmal zurück. Weitere Beiträge können und sollen aber noch bis 8.11. gesendet werden.
Informationen über weitere Aktivitäten der Aurora Initiative sowie Internet-Links findet sich auf der Homepage www.kanka.de/aurora.
Eine Druckfassung dieser Konferenz erhalten die Fachteilnehmer zugesandt, andere auf Anfrage.
Dank an "City-Guide" und "future Point" in Köln für ihre Unterstützung und an alle Teilnehmer!

Betreff: Steuern, informelle Vereinbarungen - Von: Kai Ehlers - Datum: 05.11.1998
Lieber Bernd vd. Brincken
Die Frage nach den Steuern zielt darauf, zu klären, wer die Definitionsmacht hat zu bestimmen, was legal und was illegal, was kriminell ist und was nicht. Ohne diese Frage zu klären,bleibt die Debatte pber Rechtsreform, gar Rechtsstaatlichkeit in Rußland rein scholastisch.
Sie haben die richtige Frage gestellt, ob es informelle Vereinbarungen gibt. Gibt es. Sie bestehen z.B. darin, daß der Stat Gesetze beschließt, von denen er genau weiß, daß niemand sie inhalten wird - weil eine Eiinhaltung nicht nur zu dessen Ruin, sondern zum Stillstand des gesamten gesellschaftlichen Lebens führen müßte. Beispiel: Steuergesetzgebung.

     Von: Ludger Wiedemeier - Datum: 06.11.1998
     Das ist exakt der Punkt. Jede Diskussion, die versucht die Personalfrage auszuschließen, führt      letztlich nur zu einer akademischen Diskussion, die am Ende vielleicht ein neues Kuhnsches      Paradigma schafft, aber nichts zur Lösung der Probleme selbst beitraegt. Informelle      Vereinbarungen sind unvermeidliches Ergebnis einer Situation, in der letztlich die notwendigen      Entscheidungen nicht getroffen werden. Aus diesem Vakuum heraus bilden sich fuer informelle      Gruppen, wie es die Mafia sicherlich auch ist, dann zahlreiche Handlungsmoeglichkeiten.